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Das herrliche Fieber

Du schaust aus dem Küchenfenster in das kalte, feuchte Draußen. Du spürst plötz­lich, Du mußt fort, weit fort, fiebrig. Der Rest vom Mittagessen wird lang­sam wie­der warm. Du fieberst.

Warum jetzt nicht den Schlafanzug aus, eine helle Jeans an, Zahnbürste, Schlaf­sack, ein wenig warmes Zeug, die hundert Mark, die Du noch zu Haus hast, (auch das Dope?), vergiß den Zivildienst, den Bass, die Flamenco-Stunden, das warm­werdende Essen, lebe von diesem herrlichen Fieber, das Dich durchtränkt. Und noch stehst Du vor dem Fenster, Dein kleiner Bruder, den du gestern abend auf den Arm geschlagen hast, vor diesem fürchterlichen Traum, als Du Dich selber als Kind gesehen hast, diesem fürchterlich realen Traum, fast hast Du geweint, als Du deinen Bruder geschlagen hast, Du am Eßtisch, vor Dir ein Buch, Dein Bruder stört Dich, so wie Du jetzt wieder essen willst und lesen, und er baut mit den Le­gos, Dein Vater telephoniert im anderen Raum, jetzt wo Du das schreibst, singt er im Haus, störend, dann wieder blendest Du zurück wie Du am Fenster stehst und denkst, fort, fort, dieses herrliche, so lange nicht mehr ausgekostete Fieber. Noch vier Monate Zivildienst. Du weißt, Du gehörst Ihnen mit Deinem Körper, und Dei­nen Geist wollen sie auch, Du stehst da am Fenster, erst wenige Sekunden (Minu­ten?) vergangen, die Konsequenzen, Dienst am Staat, Flucht, nein, das nicht, Du willst einfach gehen, Deinen Dau­men bestimmen lassen, wohin, Du willst Dich befreien, nicht fliehen, dieses be­freiende Fieber, dann denkst Du, noch vier Monate, wenn ich gehe, dann die Konsequenzen, aber Du wärst dann auch gezeichnet, herr­lich gezeichnet, ein Fahnenflüchtiger, weil Fahnen für Tod stehen, falschen Tod, Du denkst, noch vier Monate, dann kann ich gehen, wohin ich will, aber dann ist Winter, jetzt nach Pamplona oder Andalusien, doch komme ich zurück (käme ich wirklich zurück?), was dann? Dem Urteil stellen, fort, nein, dann nicht nachdienen oder in den Bau, gerade, wenn Du Freiheit kennengelernt hast, wieder gefesselt zu werden, nein, noch vier Monate, in denen Du Deinen Geist schützen mußt, aber ist es hinterher noch dieser Ausbruch, verlorene Symbolik dann, Du mußt Dich be­wahren bis dahin, dann nicht weitere Fesseln anlegen lassen, höchstens des Bre­chens wegen, aber Du weißt, das ist gefährlich, sie schleichen Dir ins Gehirn, das hast Du als ZDL gemerkt, sie schleichen; stündlich fällt es leichter, sich preiszuge­ben, unentdeckt, das wahre Selbst zu verdecken, vergraben, töten.

Du füllst den Teller, setzt Dich an den Tisch, schiebst die Sachen Deines Bru­ders beiseite, merkst leichte Aggressivität, oh mein Gott, noch vier Monate, starrst in den Teller, jetzt kein Buch lesen, denken, Du gehst auf Dein Zimmer, schreibst.

Noch vier Monate.

1 Kommentar

  1. Ich kenne das: Gemütlich essen und dabei ein Buch oder eine Zeitung lesen. Dabei wäre es bewusster und besser, wenn man sich ganz auf den Prozess der Nahrungsaufnahme konzentrieren würde.

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