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Schülerbotendienst, guten Tag

Es klingelt an der Tür, während ich in tiefster Meditation versunken im Bett liege. Aprupt hört mein Schnarchen auf. Ein Blick auf die Uhr, halb vier nachmittags. Wer kann das sein? Die Zeiten, dass ich mit dem Schlimmsten rechnen musste, sind lang vorbei. Äusserst selten, dass ich Besuch bekomme. Vielleicht ein Paket-Dienst? Oder gar ein weiblicher Fan? Diese Aussicht lässt mich meine müden Knochen hochstemmen und öffnen.

Ein junger Typ steht vor der Tür. Sein Kollege klopft sich durchs Treppenhaus und wird bei einer Nachbarin über mir fündig.
„Guten Tag, wir haben kürzlich in diesem Haus eine Befragung zum Thema Drogen durchgeführt.“

Ich erinnere mich. Etwa zwei Wochen her. Ein attraktives Mädel Mitte 20 und ein Milchgesicht. Sagten, sie wären Schüler und wollten meine Meinung über ein paar Fragen zum Thema Drogen wissen. Da hätten sie auch bei Hans-Georg Behr klingeln können. Die Frau nickte zuweilen und kritzelte ein wenig mit. Ich konnte mich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass meine Antworten nicht wirklich interessierten. Danach verschwanden sie kommentarlos. Irgendwas an der Sache war seltsam und ich war gespannt, was hinterher kommen würde. Und jetzt steht er da, Anfang bis Mitte 20, mit hartem Blick.

„Wir sind ehemalige Drogenabhängige und versuchen nun, uns eine Zukunft zu schaffen.“

Sehr lobenswert. Willkommen im Club.

„Leider erlaubt uns der Gesetzgeber nicht auf die Schule zu gehen.“

„Wieso das denn?“

„Weil wir aufgrund unserer Drogenabhängigkeit keinen Abschluss geschafft haben und aufgrund unseres Alters jetzt nicht mehr auf eine Regelschule dürfen.“

„Na und? Es gibt andere Möglichkeiten.“

„Ja, aber das würde mich 8000 Euro kosten.“

Shit, ich bin noch völlig verpennt und schwebe im Nirwana. Kein guter Zustand für eine argumentativ fundierte Diskussion. Bevor ich mit dem Argument „Externe Prüfung“ kommen kann, labert er weiter:
„Sie müssen das so sehen: der Gesetzgeber lässt uns aufgrund unser ehemaligen Drogenabhänigkeit auch keine Ausbildung machen.“

Also jetzt erzählt er wirklich Schrott. Und das sage ich ihm.

„Sie müssen das so sehen: wir dürfen in keinen Beruf, der uns in Kontakt mit Drogen bringt. Beispielsweise wegen der Schnüffelstoffe können wir nicht Maler und Lackierer lernen.“

Der Junge ist wirklich zu bemitleiden. Ich war einige Jahre Projektleiter bei einem Sozialkonzern, der sich die Rehablitation von ehemals Drogenabhängigen zur Aufgabe gemacht hat, habe die letzten Jahre im Auftrag des Arbeitsamts Schwervermittelbare in Brot und Arbeit gebracht. Ich mag zwar gerade verpennt sein, aber blöd bin ich nicht.

„Ach, und wie kommt es dann, dass nur wenige Kilometer von hier Ex-User, die frisch aus der Therapie kommen, als Maler und Lackierer qualifiziert werden?“

„Ich weiss nicht, wie das hier in Hessen ist, aber ich komme aus Bayern. Und da ist es verboten.“

„In welchem Gesetz soll das stehen?“

Er verdreht die Augen. Der Ringrichter zählt ihn langsam an.

„Das weiss ich nicht. Aber darum geht es doch nicht. Sie müssen das so sehen: der Staat hilft uns nicht, deshalb helfen wir uns als Schülerbotendienst selber. Und die Druckerei MüllerMaierKunze hilft uns dabei. Darf ich einfach mal eine Zeitung in ihren Briefkasten stopfen?“

Ah, jetzt kommen wir der Sache langsam näher.

„Was für Zeitungen? Und was bedeutet ‚einfach mal stopfen‘?“

Er drückt mir eine Postkarte in die Hand. Auf der einen Seite ein halbnackter Mann, auf der anderen eine Liste von Magazinen, vom Spiegel bis zum goldgefärbten Blatt. Die hatte ich das letzte Mal vor fünf Jahren in der Hand, als jemand an meiner Tür klingelte und sich als Behinderter ausgab. Die Jungs haben echt Pech, dass ich schon in so vielen Bereichen gearbeitet habe. Seine Augen weiten sich bereits:
„Nein, es ist nicht das, was sie denken.“

„Ach? Ich bin mir aber ziemlich sicher, es handelt sich hier um eine Drückerkolonne.“

„Sie müssen das so sehen…“

„Ich muss gar nichts so sehen, wie du das willst.“

„Also, das verstehe ich jetzt nicht. Sie müssen das so sehen…“

„Wenn ich noch einmal diesen Satz zu hören kriege, ist die Tür sofort zu. Diese primitive Art der rhetorischen Suggestion zieht bei mir nicht.“

„Also, äh, sie müssen das so sehen…“

Tür zu. Ran an den Computer. Einfach mal bei Google „drückerkolonne drogen“ eingegeben. Und schon taucht der Name Schülerbotendienst in einem Blog auf und schwupps in einem zweiten. Führt zu einer weiteren Suchanfrage bei Google. Meine Vermutung war richtig. Wie viele ältere Herrschaften in Oberursel mögen darauf reinfallen? Ich informiere zur Sicherheit unsere Wohnbaugenossenschaft. Sollen die mal wieder einen Warn-Aushang machen.

„Ich leite es weiter an die Geschäftsführung“, sagte die Sekretärin. „Aber bis wir den Aushang machen, sind die schon über alle Berge. Und wir sind ja schon froh, dass die nicht behaupten, sie wären in unserem Auftrag unterwegs.“

Ich weise darauf hin, dass diese Kolonne möglicherweise in drei Schichten arbeitet. Die erste macht auf Umfrage, die zweite Schicht stopft „mal eben so“ eine Zeitung in den Kasten, und irgendwann kommt die dritte mit dem Abovertrag. Nun ja, ich hab getan, was ich konnte. Und kann endlich zu Ende meditieren. Oooooooommmmmmmm 🙂

106 Kommentare

  1. Vergangene Woche habe ich einem von ihnen im NÜRNBERGER LAND die Tür vor der Nase zugeschlagen. Mit ehrlicher Arbeit hat das für mich nix zu tun..

  2. grad vorhin wurde ich erst wieder in der fußgängerzone angesprochen…
    ob ich denn den schülerbotendienst kenne würde etc.
    nachdem ich erst mit „nein“ antwortete ist mir jedoch eingefallen, dass ich vor etwa einem jahr shconmal in der fußgängerzone angesprochen wurde.
    in den gesprächen fallen dann oft die wörter „kinder aus sozial schwachen verhältnissen“.
    wie ich diesen helfen soll indem ich mir eine zeitung schicken lasse und dabei kontrollieren soll ob mir die sozial schwachen kinder wirklich etwas liefern, verstehe ich nicht…

    naja, ich weiß gar nicht genau wie ich nun darauf kam zu googlen, aber schon interessant mit was für verschiedenen geschichten die kommen..

  3. darklistener

    31/05/2011 @ 7:43 pm

    bin heute in köln am rudolfplatz angesprochen worden. das mädel hat sich mir in den weg gestellt als ich gerade die rolltreppe von der ubahn hochkam und dann gleich ziemlich schnell und undeutlich auf mich eingeredet, so dass man kaum verstehen konnte worum es geht. ich hatte anfangs irgendwas von „schülerprojekt“ verstanden und dachte mir „schön, vielleicht kann man ja irgendwie helfen“. als ich dann aus ihrem hektischen wortbrei allerdings „schülerbotendienst“ rausgehört habe und gerafft habe, dass die mir wohl ein abo andrehen will, bin ich ihr sofort ins wort gefallen und meinte dass ich überhaupt kein interesse an irgendwelchen abos habe und unter keinen umständen meine adresse rausgeben würde. dann war sie auf einmal ganz schnell weg 😀
    zuhause dann schnell mal gegoogelt und gleich auf den beitrag hier gestoßen…
    wenn mir das nächste mal so jemand über den weg läuft werd ich mal mit nem notizblock ne gegenumfrage starten, ob die auf provisionsbasis bezahlt werden oder nen festen stundenlohn bekommen, ob sie mit dem job zufrieden sind und ob sie mir für weitere rückfragen vielleicht ihre anschrift nennen könnten 😉
    lasst euch nicht verarschen!

  4. L. B. aus HH

    11/09/2012 @ 3:51 pm

    Also aktuell sind die in Hamburg unterwegs. Wurde heute Wandsbek Markt angesprochen so gegen 13 Uhr. Wirken zunächst ja echt harmlos… Gut, dass ich ein komisches Gefühl und wenig Zeit hatte.

  5. Umfrage-girl

    01/07/2013 @ 3:02 pm

    Heute waren die Jungs im hamburger Westen unterwegs. “Guten Tag, ich bin vom Schülerbotendienst….”

    Ein sehr freundlicher junger Mann wollte gerne eine Umfrage machen….
    1. Frage: Wie jung sind Sie?
    2. Als was arbeiten Sie?
    3. Wie stehen Sie zu Drogenabhängigen? Haben Sie Vorurteile?
    4. Würden Sie einem Drogenabhäbgigen helfen?
    5. Wie hoch schätzen Sie die Rückfallquote bei Drogenabhängigen ein? (3 Auswahlmöglichkeiten).

    Die Antworten interessierten ihn nicht wirklich, dafür wollte er aber diverse Sachen über den Hund un die Nachbarn erfragen.
    Dem habe ich eine schönen Bären aufgebunden und dann die Polizei für eine Personenfeststellung angerufen.

    Nächte Woche stehen hier bestimmt vor jeder Tür 3 Leute, die Abos verkaufen wolllen, mit der Story, daß man Drogenabhängigen helfen sollte.

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